Frische Luft durch neue Technologien:
wohin die Reise gehen kann

Dicke Luft, gesundheitliche Risiken, Fahrverbote: Die Luftverschmutzung in den großen Städten wird zu einem der dringendsten Umweltprobleme unserer Zeit. Immer häufiger überschreiten die Grenzwerte für Schadstoffe – etwa Feinstaub  oder Stickstoffdioxid – die gesetzlichen Limits. Die Städte erteilen dann Fahrverbote auf wichtigen Strecken, doch der Ärger der Pendler bleibt groß, die Schadstoffbelastung ändert sich kaum und die Gefahr von Atemkrankheiten steigt weiter. Die Luftverschmutzung plagt fast alle Länder dieser Welt - und dennoch ist das Bild, das wir von der Luftqualität haben, sehr unscharf und widersprüchlich. Der Grund hierfür ist, dass nur an vereinzelten Orten gemessen wird. Die Messstationen mit der Größe einer Garage sind zudem sehr teuer und daher leisten sich die verantwortlichen Umweltbehörden nur wenige Messstationen. Das Wissen über die tatsächliche Luftqualität ist damit erschreckend lückenhaft. 

Das Münchener Startup Hawa Dawa („heißt: Luftqualität“) schafft nun in einem der ökologisch wichtigsten Bereichen der Gesellschaft Transparenz und gibt Handlungsempfehlungen für die „grüne Mobilität“: Mit Hilfe von kleinen, günstigen Sensoren und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz gelingt es Hawa Dawa, ein genaues Bild der Luftverschmutzung in Echtzeit zu schaffen – und dies für nahezu jede Straße, jeden Park der Stadt. Die künstliche Intelligenz ermöglicht es, die Vorgänge, die bisher physikalisch in den großen Messstationen stattfinden, in die Cloud zu verlagern. Dort werden sie mit anderen Umweltdaten, die u.a. auch über Satelliten erhoben und verteilt werden, verrechnet, um so bessere, genauere Daten zur Luftqualität zu schaffen. Durch intelligente Algorithmen können Schwächen kostengünstiger Sensoren ausgeglichen werden. Die Daten werden also kalibriert, wie es in der Fachsprache heißt. Wenn etwa die Luftfeuchtigkeit steigt, müssen die Werte, die der Sensor generiert, korrigiert werden. Der Unterschied: Die großen Messstationen bereiten die Luft physikalisch vor, während Hawa Dawa diesen Prozess in der Cloud verlagert und die Daten mit Hilfe der künstlichen Intelligenz bearbeitet – eine disruptive Technologie. 

Wie kann Hawa Dawa mit Handlungsempfehlungen dazu beitragen, dass sich das Bewusstsein der Menschen ändert und die Luftverschmutzung in den großen Städten abnimmt? Welche neuen Mobilitätskonzepte können aus den Umwelt-Daten entwickelt werden? Und wie lautet die Geschäftsstrategie des Umwelt-Startups, mit welchen Diensten möchte es einmal Geld verdienen? Janina Stork, Projektmanagerin und Kommunikationsexpertin des Münchner Unternehmens, gibt Antworten. 

----------------

Frage: Frau Stork, welche Vorteile bietet die Messtechnik von Hawa Dawa gegenüber den etablierten, städtischen Messstationen für Luftverschmutzung?

Janina Stork: Die städtischen Messstationen liefern nur punktuelle Daten und sind zu groß und zu teuer, um sie in der ganzen Stadt einzusetzen. Sie messen die Verschmutzung an genau einem Ort, ein paar Meter weiter kann die Lage aber ganz anders sein. Mit unserer Messtechnik können wir flächendeckende Umweltdaten in Echtzeit erheben. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz erlaubt es uns, kleine Sensoren zu verwenden, welche die Daten ständig in die Cloud melden. Dann rechnen wir entsprechende Verzerrungen heraus und können Vorhersagen zur Luftqualität treffen. Die künstliche Intelligenz ermöglicht uns also, die Vorgänge, die bisher auf der physikalischen Seite in den großen Messstationen passieren, in die Cloud zu übertragen und so flächendeckend einzusetzen. Ein Netzwerk aus diesen kleinen, günstigen Sensoren kann die Luft einer ganzen Stadt überwachen. 

Frage: Zeichnen Ihre Sensoren ein besseres Bild von der Luftverschmutzung in den Innenstädten? Und geben Sie dann ökologisch sinnvolle Routenvorschläge? 

Janina Stork: Ja, wir arbeiten gerade mit Siemens Mobility und dem Münchener Tech-Startup Ryd an einem Pilotprojekt zum Umwelt-sensitivem Verkehrsmanagement. Dem Autofahrer wird eine ‘grüne Route’ vorschlagen, die auf aktuellen Daten zur Luftqualität und Vorhersagen basiert. Unsere Empfehlungen sind die optimale Kombination aus guter Luftqualität und kurzer Fahrzeit. Das Navi wird somit ökologisch. Das ist eine spannende Option, die uns im Kampf gegen Luftverschmutzung zur Verfügung steht und kann eventuell dem einen oder anderen Fahrverbot entgegenwirken.  

Frage: Welche Geschäftsmodelle verfolgt Hawa Dawa? Wer sind Ihre potenziellen Kunden?

Janina Stork: Sowohl Daten als auch die Analyse bietet Hawa Dawa ihren Kunden im Abo-Modell an. Unsere Kunden können individuell die zeitliche und räumliche Auflösung der Daten, sowie die erfassten Parameter nach ihren Bedürfnissen auswählen. Somit können unterschiedliche Kundenbedürfnisse einfach und automatisch abgedeckt werden. Zu unseren Kunden gehören Städte, Kommunen, Telekommunikationsunternehmen, Mobilitätsdienstleister und Stadtwerke. Durch die breite Anwendbarkeit von Umweltdaten in tägliche Entscheidungsprozesse des Verkehrs, der Stadtplanung, Immobilienbewertung und dem Gesundheitsmanagement ist die Kundengruppe nicht geschlossen, sondern abhängig von der Bereitschaft der jeweiligen Partner Umweltdaten als neuen Baustein in eigene Produkte und Dienstleistungen einfließen zu lassen.

Darüber hinaus kooperieren wir mit Verkehrsmanagementbetrieben und anderen internationalen Unternehmen, um gemeinsam Lösungen für das umweltsensible Verkehrsmanagement zu erarbeiten. 

Frage: Wie sehen Verkehrskonzepte der Zukunft aus und wie ändert sich das Mobilitätsverhalten?

Janina Stork: Verkehrskonzepte der Zukunft sind multi-modal und verbinden viele verschiedene Verkehrsmittel, um eine schnelle, intelligente, saubere und gesunde Mobilität zu ermöglichen. Das heißt, umfassende Konzepte verbinden Individualverkehr und die zentrale Verkehrsplanung der Stadt zur Verbesserung unter Berücksichtigung von Umweltaspekten. Wir wollen weg vom Silo-Denken und hin zu einem vernetzten, selbstlernenden System, das die Mobilität in den Städten erhält, aber auch die Luftqualität verbessert. Das strategische und umfassende Management der Luftqualität existiert noch nicht und braucht Vorreiter.   Durch die Nutzung flächendeckender Echtzeitinformationen wird eine viel dynamischere Planung möglich, die es erlaubt, Verkehrssysteme so zu optimieren, dass die Schadstoff-Exposition der Bevölkerung minimiert wird, während die Mobilität aber weiter gesichert ist. 

Das Mobilitätsverhalten der Leute wird sich dann ändern, wenn es sinnvolle Alternativen gibt.

Frage:  Wird es bald Apps für das Handy geben, mit denen sich die Menschen in ihrer Umgebung über die Verschmutzung in Echtzeit informieren können und die alternative Vorschläge unterbreiten? Und wer sind die Konkurrenten von Hawa Dawa auf dem B2C Markt?

Janina Stork: Es gibt bereits die ersten Schritte im Markt, wie Apple Weather, das in einigen Städten eine generelle Angabe über die Luftqualität macht. Allerdings nutzen diese Dienste nur die punktuellen Informationen der offiziellen Messstationen, die teilweise etliche Kilometer weit weg sein können und eigentlich keine Aussage über die Luftqualität in der Nähe der Person treffen.

Mit der ‘Luftlotse’-App unseres EU-geförderten Projekts ‘Eccentric Civitas’ in München gehen wir einen Schritt in die richtige Richtung, um aussagekräftige Aussagen zu treffen, die als Grundlage für die eigenen Entscheidungen dienen können. Solche Apps schaffen Transparenz und geben den Bürgern mehr Macht über ihre eigene Gesundheit. Insbesondere in Verbindung mit Mobilität und Routing sollten die Menschen auch unabhängig von der Stadtverwaltung etwas für die Luftqualität in ihrer Stadt und ihrem Leben tun können. 

--------------

Die Fragen stellte Andreas Nölting

www.noeltingmedia.com

Leave a Reply

Your email address will not be published.